Back to the Future: Analoge Retro-Fotografie

Wie in der Musik und in der Mode erkennt man bei genauem Hinsehen momentan auch in der Kunstfotografie und in der zeitgenössischen Kunst einen Trend zum alten kitschigen Feeling des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Hoch auf Polaroid und Lomografie.

Das im analogen Zeitalter verhasste Bildrauschen wird nun zum bewusst angewendeten Gestaltungseffekt, Flecken auf dem Foto werden zum Hingucker, Farbverfälschungen sind erwünscht und teilweise sogar bewusst herbeigeführt. Dies heisst aber nicht, dass alle fotografischen Grundlagen nun vergessen werden können, im Gegenteil. Wer bisher nur im automatischen Modus seiner Digitalkamera fotografiert hat, wird Mühe damit haben, eine analoge Kamera fachgerecht zu bedienen. In diesem Blogeintrag will ich das Augenmerk aber auf zwei Sparten der Retro-Fotografie richten, die auch dem fotografischen Anfänger Spass bereiten können, da man sich weniger mit Belichtungszeit und Brennweiten auseinandersetzen muss als mehr mit der Wahl des Motivs und den Emotionen die man mit nostalgischen, fast quadratischen Polaroid-Fotos oder den verfälschten, verschwommenen Lomografien einfangen kann. Das diese Schnappschuss-Kunst seinen Reiz hat, könnte dir sogar Andy Warhol bestätigen, würde er noch leben.

Polaroid

Seit Polaroid vor einigen Jahren nach den Kameras auch die Produktion der Sofortbild-Filme einstellte und darauf 2001 Konkurs anmelden musste, wurden die letzten Filme, die aus irgendeinem Rabattkauf noch in den Schränken einiger Polaroid-Fans zu finden waren, zur Kapitalquelle: bis zu fünfzig Franken wurde auf Ebay pro Polaroid-Pack verlangt, in dem gerade mal zehn Sofortbilder enthalten waren. Bis vor kurzem musste man auf Flohmärkten aber auch fünfzig bis hundert Franken einrechnen, um eine Polaroid bezahlen zu können, für die sich noch Filme finden lassen. Gerade mal für zwei Polaroid-Serien ist dies noch der Fall. Die PX-70 und alle Modelle der Serie 600. (Hier eine Übersicht). Nun rettet aber ein neues Unternehmen die Fotografie-Nostalgie. Die Gruppe von ehemaligen Polaroid-Corporation-Mitarbeitern um Florian Kaps, einem österreichischen Künstler und Geschäftsmann, trägt den treffenden Namen «The Impossible Project». Die Mission dieser Ästhetik-Helden bestand ursprünglich darin, in einer aufgekauften ehemaligen Polaroid-Fabrik wieder Filme herzustellen, die in die alten Modelle passen. Für dieses Vorhaben mussten viele mittlerweile verbotenen Integralfilm-Substanzen reproduziert werden. Als dies geschafft war, brach bei den Herren Langeweile aus und sie entschlossen sich, gleich auch noch alte Kameramodelle zu restaurieren. Mittlerweile hat Impossible ein stetig wachsendes Sortiment an PX-70 und Polaroid 600 Filmen sowie den nostalgischen Kameras samt Zubehör. Die Polaroid Corporation selber lebt nun hauptsächlich von Partnerschaften mit anderen Firmen im Bereich der Digitalfotografie. So lebt der Geist des unvergleichlichen Sofortbilds von nun an wohl im Impossible Project weiter.

Lomografie

Wir schreiben das Jahr 1914 in Russland. Eine Firma Namens Leningradskoye Optiko Mechanicheskoye Obyedinenie, kurz LOMO, wird gegründet. Von der Sowjetunion mitfinanziert produziert die Firma zuerst optische Geräte fürs Militär. Im Jahr 1982 gibt der russische Geheimdienst KGB der Firma den Auftrag eine japanische Kompaktkamera (Cosina CX-1) zu kopieren, die für Spionagezwecke eingesetzt werden soll. So entsteht die LOMO Compact. Ein Jahr später wird von LOMO die heute bekannteste ihrer Kameras auf den Markt gebracht, die LOMO LC-A. Die Idee dabei ist, dass jeder Russe seine eigene Kamera besitzen soll, um damit sein Leben und die Schönheit Russlands einzufangen. Das Konzept geht auf und es werden Millionen von Kameras verkauft. Da die LOMO-Kameras in der Regel recht billig sind und qualitativ nicht wirklich hochstehende Bilder damit entstehen, sind sie bei vielen Fotografen unbeliebt. Das allgemeine Fussvolk gewinnt die Kameras jedoch lieb und schon bald werden die damit gemachten verschwommenen und farbstichigen Bilder zum Kult. Ein paar Jahre später entsteht in Wien daraus eine eigene Kunstform, die Lomografie. Lomografen achten darauf, dass ihre Bilder nicht gestellt wirken und ja nicht perfekt sind. Sie versuchen Alltagssituationen möglichst natürlich einzufangen. Auf der Website lomo.ch steht dazu: «Er (der Lomograf) hat sich vom Diktat des guten Bildes befreit. Soll heissen, dass ein Bild noch lange nicht schön ist, bloss weil es technisch brillant ist. Im Gegenteil, der Charme von Lomographien liegt in der Zufälligkeit der Bildentstehung. Jenem Faktor X, den die Hersteller von vollautomatischen Kameras kurzerhand ausgerottet haben.» Brauchbare Lomo-Kamera-Reproduktionen lassen sich überall finden. Unter anderem auch im Vintage-Shop Fizzen, der mit seinen Filialen in mehreren Schweizer Städten vertreten ist. Für etwa hundertzwanzig Franken kann man sich wahlweise eine mit Fisheye-Objektiv oder dem LOMO LC-A-typischen extremen Weitwinkel-Objektiv zulegen, die Filme kosten relativ wenig und der Spassfaktor ist hoch. Am besten schiesst man seine Fotos «aus der Hüfte» im Vorbeigehen, an einer Party, oder wenn das Motiv nichts davon weiss. Dank integrierter Belichtungsautomatik sind die Bilder meist im gewünschten Bereich belichtet, wer gegen Lichtflecken oder Verfärbungen etwas hat, sollte aber besser bei seiner Digitalkamera bleiben.

Zurück in die Zukunft; analog ist ein Bereich der Fotografie der noch lange nicht ausgestorben ist. Ich leg jetzt eine alte Mani Matter-Vinyl auf, betrachte meine neusten Polaroid-Aufnahmen die an der Zimmerwand kleben und fröne der Nostalgie.

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